Als Reaktion auf den Angriff blockiert der Iran die Straße von Hormus, das Nadelöhr für Öllieferungen aus dem Nahen Osten. Der Rohölpreis für die Nordseesorte Brent sprang in der Folge zeitweise um rund zehn Prozent auf über 80 US-Dollar je Barrel. Mit der Einschätzung von US-Präsident Donald Trump, der Konflikt könne etwa vier Wochen dauern, lässt sich die Dauer der Blockade abschätzen, und für die Preisbildung am Ölmarkt ist genau dieser Zeithorizont entscheidend.
Weniger Öl aus Nah-Ost – aber der Preis steigt
Der Wirtschaftsverband Fuels und Energie, zuständig für die Raffinerien und Markentankstellen in Deutschland, kommentiert die Entwicklung so: "Die geopolitische Lage hat zu einem weltweiten Anstieg der Preise für Mineralölprodukte geführt". Die Märkte in Deutschland für Benzin, Diesel und weitere Produkte wie Heizöl und Flugkraftstoff seien aber weiterhin intakt. Der Verband sieht die Versorgung Deutschlands als gesichert an, "da wir Rohöl aus rund 30 Ländern beziehen. Hauptlieferländer sind Norwegen, die USA, Libyen, Kasachstan und Großbritannien. Einziger Nahost-Lieferant in der Top Ten ist Irak."
Weil die globale Nachfrage verstärkt auf sichere Quellen ausweiche, steigen "die Preise für amerikanisches und europäisches Rohöl". Außerdem würden die Frachtraten für Öltanker teurer. Zu den Treibstoffpreisen sagt der Verband: "Der Produktpreis für Diesel in Deutschland stieg am Montagvormittag um gut 20 Prozent und damit deutlich mehr als der Ölpreis. Grund ist, dass Diesel in Deutschland knapper ist als Benzin und zu rund 30 Prozent importiert werden muss, bei Benzin sind es nur zehn Prozent".
Die Preisentwicklung seit dem Angriff
Autofahrer reagieren auf die abrupte Verteuerung mit intensiver Preisrecherche: Die Zahl der aktiven Nutzer auf der auto-motor-und-sport-App "mehr tanken" (Google Play-Store oder Apple App-Store) stieg deutlich stärker als die Preise – siehe Grafik. Die Bildergalerie hier zeigt zudem, wie sich die Spritpreise für die verschiedenen Sorten im Verlauf der Woche und im Vergleich zur Vorwoche verändert haben.
Warum die Spritpreise so schnell steigen
Hinzu kommt: Der Nahe Osten fällt als Diesel-Exporteur derzeit zurück, so dass europäischer Diesel weltweit stärker gefragt ist." Die Rasanz des Anstiegs bei den Spritpreisen hält ein Sprecher des Verbands für nicht ungewöhnlich, beim Ukraine-Krieg habe man das ähnlich erlebt. Denn für Tankstellen und Konzerne seien die Wiederbeschaffungskosten für verkauftes Benzin und nicht, was man beim Einkauf bezahlt habe. Der Wirtschaftsverband ist sich sicher: "Auch in der aktuellen Situation herrscht harter Preiswettbewerb an den deutschen Tankstellen um jede Kundin und jeden Kunden."
Darum ist preisbewusstes Tanken für Autofahrer mehr denn je Pflicht – und die Beobachtung der Kraftstoffpreise im Tagesverlauf, um Schwankungen zu eigenen Gunsten zu nutzen. Für eine aktuelle Übersicht bietet sich unsere kostenlose Spritpreis-App "mehr tanken" (Google Play-Store oder Apple App-Store) an, die die aktuellen Kraftstoffpreise, eine Preis-Prognose und günstige Tankstellen in der Nähe anzeigt.
Die weitere Preisentwicklung sieht der Wirtschaftsverband Fuels und Energie wenig überraschend "derzeit vor allem vom Fortgang der geopolitischen Ereignisse" abhängig.
Wann verfestigt sich der Preisschock?
Es gibt wenige Stellen auf der Welt, die für die Energiekosten und den Welthandel so entscheidend sind, wie die Straße von Hormus. Sie verbindet den Persischen Golf mit den Weltmeeren, 20 Prozent des Ölhandels müssen durch diese an ihrer engsten Stelle nur 38 Kilometer breite Meerenge; die Fahrrinnen, die tief genug für Supertanker sind, messen sogar nur drei Kilometer. Der Iran ist Anrainerstaat und erklärte die Straße von Hormus als Reaktion auf die Angriffe kurzerhand für gesperrt. Wirkungsvoller: Zwei Tanker erlitten Raketentreffer, die Versicherungen strichen die Absicherung von Kriegsrisiken für das Gebiet – entsprechende Zusatzversicherungen werden teuer und mit ihnen der Transport. Die beginnende Arteriosklerose der wichtigen Ölschlagader zeigt ein Video der Plattform Marinetraffic auf X. Es startet am Samstagmorgen mit zahlreichen Schiffsbewegungen und endet am Montagmorgen, als kaum mehr Schiffe die Meerenge passieren.
Die Psycho-Grenze – 2 Euro für Sprit
Je länger die Unsicherheit über die Straße von Hormus anhält, desto größer wird das Risiko, dass aus einem spekulativen Preisschub ein strukturell höheres Niveau entsteht. Damit rückt eine Marke in den Fokus, die vor allem psychologisch relevant ist: zwei Euro je Liter. Sie ist seit Dienstag überschritten. Für viele Autofahrer ist das mehr als nur ein Anstieg von ein paar Cent – es fühlt sich wie eine neue Preisstufe an.
In Hamburg und Köln kostete Super E5 am Dienstagmittag bereits 2,03 Euro pro Liter, in Frankfurt am Main werden innerstädtisch bis zu 2,08 Euro verlangt. Auch E10 liegt vielerorts bei 2,00 bis 2,02 Euro. Auf mehr-Tanken.de sind immer häufiger die roten Preis-Schilder mit mehr als 2 Euro zu sehen. Das Überschreiten der Zwei-Euro-Grenze führte bereits 2022 zu spürbaren politischen und gesellschaftlichen Debatten. Sie signalisiert den meisten Verbrauchern eine neue Preisstufe. Sie ist aber kein technischer Schwellenwert und rein rechnerisch kein extremer Ausreißer. Bei einem Durchschnitt von zuletzt rund 1,83 Euro für Superbenzin fehlten lediglich 17 Cent bis zur Zwei-Euro-Marke. Entscheidend ist oft, wie stark und wie lange und wie sehr der Rohölpreis pro Barrel (159 Liter) steigt.
Rechenbeispiel:
- Bei 65 US-Dollar je Barrel lag der Rohölwert bei rund 37 Cent je Liter Kraftstoff.
- Bei 80 US-Dollar sind es rund 46 Cent je Liter.
- Bei 100 US-Dollar wären es rund 57 Cent je Liter.
Der Rohölanteil macht zwar weniger als ein Viertel des Zapfsäulenpreises aus. Dennoch gilt als Faustregel: Steigt die Sorte Brent von 70 auf 100 US-Dollar, erhöht sich der rechnerische Rohölanteil um rund 20 Cent je Liter. Am 3.3. schwankte der Preis für das Barrel der Sorte Brent um 80 Dollar.
Vier Wochen Konflikt als kritische Phase
Sollte der Konflikt tatsächlich rund vier Wochen andauern, wie von Donald Trump prognostiziert, erhöht das die Wahrscheinlichkeit eines stabil höheren Preisniveaus. Kurzfristige Preisspitzen werden oft schnell wieder korrigiert. Ein mehrwöchiger Zeitraum dagegen erlaubt es Händlern, Risikoaufschläge dauerhaft einzupreisen.
Besonders sensibel reagiert der Markt, wenn:
- Tanker dauerhaft Umwege fahren müssen
- Versicherungsprämien hoch bleiben
- sich die Blockade der Straße von Hormus nicht auflöst
- weitere Förderländer in den Konflikt hineingezogen werden
In diesem Fall wären 90 bis 100 US-Dollar je Barrel kein kurzfristiger Ausschlag mehr, sondern ein neues Zwischenplateau.
Was der höhere Spritpreis für die Autokosten bedeutet
Wir haben da nachgefragt, wo sich die höheren Spritpreise täglich tausendfach niederschlagen – bei den größten Fuhrparkbetreibern Deutschlands. SAP zum Beispiel hält etwa 18.000 Fahrzeuge für Mitarbeiter. Die variablen Kosten für Kraftstoffe steigen analog der Preiserhöhungen bei Benzin und Diesel. Aber, so SAP: "Die klare BEV-Strategie und die tatsächliche Umstellung auf elektrisch angetriebene Fahrzeuge senken den Kostendruck etwas, solange die gestiegenen Ölpreise sich nicht auf die gesamten Energiekosten auswirken". Aktuell fahren bereits 38 Prozent der Flotte rein elektrisch, 18 Prozent sind Plug-in-Hybride.
Siemens hat eine Unternehmensflotte aus 43.000 Fahrzeugen, von denen 13.000 reine E-Autos sind, also etwa 30 Prozent. Der Konzern hat sich im Rahmen seiner EV100‑Initiative verpflichtet, seine gesamte Flotte bis 2030 vollständig zu elektrifizieren. SAP wird in Deutschland ebenfalls in vier Jahren "fast keine Verbrenner" mehr in der Flotte haben. Das zahlt nicht nur auf die Nachhaltigkeitsziele ein, sondern reduziert auch die Kosten: Steffen Krautwasser, Head of Global Car Fleet bei SAP, sagt: "Aufgrund der steigenden Anzahl von Elektrofahrzeugen in der Unternehmensflotte sind wir als Unternehmen nicht mehr so stark abhängig von steigenden bzw. volatilen Treibstoffkosten wie in der Vergangenheit. Der größte Kostenblock bleibt der Wertverlust unserer Fahrzeuge. Ein Anstieg der Treibstoffpreise erhöht die Gesamtausgaben. Das ist nicht schön, aber verkraftbar. Für eine bessere Planbarkeit benötigen wir stabile Energiepreise, sowohl für Treibstoff als auch für Strom."
Für die Wirtschaft zählt nicht nur Öl, sondern die Energiepreise
Steffen Krautwasser spricht zwar vom Fuhrpark, stellt aber die Verbindung her zu den Kostenfaktoren für die Unternehmen insgesamt: Der Nahe Osten deckt neben dem Öl- auch große Teile des Gas-Bedarfs. Der Iran blockiert nicht nur die Straße von Hormus, sondern greift auch die Golfstaaten mit Raketen an, etwa Katar. In der Folge hat der Staatskonzern Qatar Energy nach Attacken seine Gasproduktion eingestellt. Das Handelsblatt schreibt, dass damit "ein Fünftel weniger Flüssigerdgas (LNG) auf den Weltmarkt" gelangt.
Und weiter, dass der Gaspreis an der niederländischen Börse TTF am Dienstagmittag auf 62 Euro pro Megawattstunde gestiegen ist – 94 Prozent mehr als am Freitag. Die absolute Höhe erreichten die Preise zwar schon mal vor einem guten Jahr, aber der heftige Anstieg ist ein Problem und erinnert an die Anfänge des Ukraine-Kriegs. Die Bundesregierung regiert mit einem Krisenstab bestückt aus Mitarbeitern von Bundesnetzagentur, Bundesnachrichtendienst, Auswärtigem Amt und Kanzleramt. Entscheidend wird auch hier: Wie lange dauert der Konflikt?
