Seit 2025 läuft bei Mercedes in Deutschland ein Programm zum Stellenabbau, langfristig sollen sich bis zu 20.000 Mitarbeiter vom Konzern verabschieden. Genau andersherum läuft es in Ungarn, dort wird Mercedes Arbeitsplätze aufbauen. Und zwar Kecskemét, etwa 100 Kilometer südlich von Budapest, wo nach Angaben des deutschen Autobauers inzwischen rund 5.000 Mitarbeiter tätig sind und in den kommenden Jahren zusätzlich mehrere tausend Arbeitsplätze entstehen sollen.
Viktor Orbán feiert
Die Pläne wurden im Rahmen einer Veranstaltung zum 140-jährigen Jubiläum der Marke in Kecskemét vorgestellt, an der auch Ungarns Ministerpräsident Viktor Orbán teilnahm. Wie die ungarische Nachrichtenagentur MTI berichtet, nannte Jens Bühler, Geschäftsführer von Mercedes-Benz Manufacturing Hungary, die Größenordnung der Erweiterung des ungarischen Standorts.
Seit dem Produktionsstart im Jahr 2012 hat sich das Werk zu einem wichtigen Baustein im europäischen Fertigungsnetzwerk des Herstellers entwickelt. In den vergangenen 14 Jahren liefen in Kecskemét mehr als zwei Millionen Fahrzeuge vom Band. Die Anlage produziert Kompaktklasse-Modelle für den europäischen Markt. Seit Anfang 2026 läuft dort auch der elektrische GLB vom Band. Der Standort wird damit stärker in die Elektromobilitätsstrategie des Konzerns eingebunden. Die Produktion der A-Klasse wird zusätzlich aus dem deutschen Werk Rastatt abgezogen und nach Ungarn verlagert. Und die kommende elektrische C-Klasse EQ wird ab Mitte 2026 ebenfalls in Kecskemét produziert.

Investitionen von mehr als einer Milliarde Euro
Im Zuge der aktuellen Investitionsphase wird die Struktur des Werks deutlich erweitert: Teil des Programms ist ein Investitionsvolumen von mehr als einer Milliarde Euro, das im Rahmen des Geschäftsplans des Konzerns bis 2026 bereitgestellt wird. Das Geld fließt unter anderem in neue Gebäude für Karosseriebau und Montage sowie in eine Anlage zur Batteriefertigung.
Mit diesen Erweiterungen soll die Produktionskapazität des Standorts langfristig auf bis zu 300.000 Fahrzeuge pro Jahr steigen – doppelt so viele, wie aktuell produziert werden.
Auch Forschung und Entwicklung
Ein weiterer Schwerpunkt liegt auf der technischen Weiterentwicklung des Standorts. Direkt am Werk entsteht ein neues Forschungs- und Entwicklungszentrum, das in Kooperation mit ungarischen Hochschulen arbeiten soll. Für das Projekt sind Investitionen von rund 55 Millionen Euro vorgesehen. Neben der Produktentwicklung stehen dort auch Themen wie Produktionsdigitalisierung und Fertigungsprozesse im Mittelpunkt.
Der Standort spielt für den Hersteller auch wirtschaftlich eine bedeutende Rolle. Nach Unternehmensangaben erzielte Mercedes-Benz Manufacturing Hungary im Jahr 2024 einen Umsatz von rund 4,17 Milliarden Euro. Im gleichen Zeitraum wurden mehr als 146.000 Fahrzeuge produziert.
Arbeitskosten in Deutschland 5-mal höher als in Ungarn
Die Landesagentur für Mobilitätslösungen und Automotive Baden-Württemberg (e-mobil BW) hat Zahlen und Kennziffern ermittelt, die erklären, was die Automobilproduktion in Ungarn für Unternehmen nahzu unwiderstehlich attraktiv macht. Da wären zunächst die günstigen Arbeitskosten: So kostet die Facharbeiterstunde in Baden-Württemberg 65,50 Euro pro Stunde. Das summiert sich zu 3.055 Euro Arbeitskosten pro Fahrzeug in Deutschland. Schon in Großbritannien sind es 900 Euro weniger (2.155 Euro). In Ungarn sind es lediglich 577 Euro, so dass sich allein dadurch pro Fahrzeug fast 2.500 Euro sparen lassen.
Die Sozialbeiträge betragen in Deutschland 34 Prozent der Arbeitskosten, in Ungarn sind es lediglich 13 Prozent. Hinzu kommen Investitionszuschüsse für strukturschwache Regionen innerhalb der EU, die Produktionsverlagerungen fördern, vor allem bei arbeitsintensiven Fertigungsschritten wie dem Bau von Getrieben und Motoren. So können Autobauer die Stückkosten senken.
Bürokratieabbau tut Not
Und natürlich wirkt sich auch auf die Kosten aus, dass der viel beschworene Bürokratie-Abbau nicht vorankommt. e-mobil BW schätzt, dass und 6,9 Prozent der wöchentlichen Arbeitszeit in Deutschland für die Umsetzung gesetzlicher Vorgaben draufgehen.
e-mobil BW empfiehlt wirksamen Bürokratieabbau durch konkrete Maßnahmen wie verbindliche Fristen mit sogenannter Genehmigungsfiktion, "Once-Only"-Prinzipien über einheitliche digitale Schnittstellen, die Reduktion standardisierter Nachweispflichten, aber auch innerbetriebliche Entlastungen durch Regelprüfungen und Prozessautomatisierung. Außerdem sollten die Arbeitsnebenkosten gesenkt werden; sonst ergebe sich (nicht nur) für den Standort Baden-Württemberg ein strukturelles Risiko.
Auch BMW hat sein Werk in Ungarn
Die Münchner Konkurrenz hat im September 2025 ebenfalls ein Werk in Ungarn eröffnet und dort mehr als 2.000 direkte Arbeitsplätze geschaffen. Bezeichnenderweise betonte BMW-Chef Oliver Zipse vor allem, dass man eine europäische Fabrik gebaut habe: "Mit der Eröffnung senden wir ein starkes Signal: Wir bauen unsere Präsenz auf unserem Heimatkontinent aus und unterstreichen so unser Bekenntnis zu einem starken und wettbewerbsfähigen Wirtschaftsstandort Europa."
Die Produktion von Motoren wurde u.a. nach Hams-Hall (Großbritannien) und Steyr (Österreich) verlegt – allerdings, um im Stammwerk München Platz für die E-Auto-Produktion der Neuen Klasse zu schaffen, die eben auch in Debrecen entsteht.
