Dekra-CEO im Interview: HU in Zukunft teilweise Over-the-Air denkbar

Dekra-CEO im Interview
HU in Zukunft teilweise Over-the-Air denkbar

ArtikeldatumVeröffentlicht am 20.03.2026
Arturo Rivas
Foto: Arturo Rivas
Wie blicken Sie zurück auf das Jubiläumsjahr 2025 – auf ein besonderes, aber auch ein herausforderndes Jahr?

100 Jahre alt wird man nur einmal, und wir haben in Deutschland und weltweit gemeinsam mit unseren Kunden und Kollegen gefeiert. Doch die wirtschaftlichen Rahmenbedingungen waren schwierig. Rund die Hälfte unseres Umsatzes wird in Deutschland erwirtschaftet, insgesamt etwa 80 Prozent in Europa und 20 Prozent außerhalb Europas, vor allem in Asien und in Nord- und Südamerika. Es ist keine Neuigkeit, dass die allgemeine Wirtschaftslage – insbesondere hierzulande – herausfordernd ist. Aber wir spüren auch die Abhängigkeit von der Automobilindustrie, unserem mit Abstand größten Kundensegment. Wir bedienen verschiedene Abschnitte der automobilen Wertschöpfungskette. Einige dieser Bereiche waren widerstandsfähiger, andere volatiler.

Wie hat Dekra dabei abgeschnitten?

Wir haben die Robustheit unseres Geschäftsmodells unter Beweis gestellt, sind im mittleren einstelligen Prozentbereich gewachsen – das entspricht weitgehend dem Plan. Die Profitabilität lag im Vergleich zu den Vorjahren auf einem stabilen Niveau. Im größeren Kontext der schwierigen Konjunktur und der Transformation der Automobilindustrie denke ich, dass wir Ergebnisse geliefert haben, auf die wir stolz sein können. Das hat von allen Beteiligten viel Einsatz und operative Disziplin erfordert.

Gibt es Regionen oder Geschäftseinheiten, mit deren Ergebnis Sie besonders zufrieden waren?

Wir haben in allen Regionen Wachstum verzeichnet, auch hier in Deutschland. Die Wachstumsrate außerhalb Europas war jedoch höher als die Rate innerhalb Europas.

Ist China Teil dieses Wachstumsprozesses?

Die wirtschaftliche Situation in China ist komplex: Die Binnennachfrage ist gedämpft, der Immobilienmarkt steht seit mehreren Jahren unter Druck, und es gibt eine hohe Jugendarbeitslosigkeit. Unser Geschäft in China hängt jedoch hauptsächlich mit Exporten zusammen, und das Exportvolumen ist weiter gestiegen, wovon wir profitiert haben. In China prüfen und zertifizieren wir elektronische Produkte, Fahrzeuge und Fahrzeugkomponenten – und auch dort war die Nachfrage nach unserer Expertise in den Bereichen Sicherheit und Nachhaltigkeit stark.

Sie haben zwei Jahrzehnte in Asien gelebt. Was hat Sie da am meisten beeindruckt?

Die Agilität und Geschwindigkeit. Das sind die beiden Aspekte, bei denen China aus meiner Sicht herausragt. Das ist etwas, wovon wir lernen können.

Werden wir irgendwann in der Lage sein, diese Geschwindigkeit zu erreichen?

Angesichts des Tempos des technologischen Fortschritts wird Geschwindigkeit immer wichtiger. Ob wir das erreichen können? Ich weiß es nicht. Sollten wir danach streben, es zu erreichen? Auf jeden Fall! Aber China hat auch viele eigene Herausforderungen. Aus westlicher Perspektive schauen wir auf das dortige "Wirtschaftswunder" und sind beeindruckt davon, was das Land erreicht hat – doch diese Entwicklung hatte auch ihren Preis. Nach meiner Zeit in Asien und den vergangenen fünf Jahren hier in Europa bin ich von manchen Aspekten der chinesischen Wirtschaft beeindruckt, anderen gegenüber aber auch kritisch.

In welchen Punkten hat Europa Ihrer Meinung nach weiterhin Vorteile oder Stärken?

Wir sind ein sehr großer Binnenmarkt, die Kaufkraft der Europäer ist hoch, und wir haben eine sehr hohe Sparquote. Eine der Herausforderungen ist, dass unser Binnenmarkt nicht gut integriert ist. Es gibt regulatorische Hürden, wenn Organisationen grenzüberschreitend tätig werden wollen. Eine bessere europäische Integration wird entscheidend sein, um das enorme Potenzial zu entfesseln, das Europa zweifellos hat.

Gibt es zu viele Gesetze und Vorschriften auf nationaler und europäischer Ebene?

Die einfache Antwort lautet: Ja. Übermäßige Regulierung bremst Innovationen, und sie belastet Unternehmen auch mit unnötigen Kosten. Wir sind in Deutschland überreguliert, wir sind als Europa insgesamt überreguliert. Die Frage ist, wie man die administrative Belastung reduziert und dabei die Kernziele der Regulierung aufrechterhält.

Wie sehen diese Ziele aus?

Wenn man Deregulierung anstrebt, kann das vereinfachte Narrativ lauten, jede Regulierung sei schlecht. Aber das ist sie nicht! Man braucht harmonisierte Standards. Das gilt genauso für Sicherheit, Cybersicherheit oder Nachhaltigkeit. Schlanke, gut durchdachte Regulierung ist essenziell, um die gewünschten gesellschaftlichen Ergebnisse zu erreichen. Und sie ist die Grundlage dafür, dass Innovation wirken kann; sie ist nicht zwangsläufig etwas, das Innovation ausbremst.

Innovationen sind heute meist softwaregetrieben. Wie beeinflusst oder verändert das Ihr Kerngeschäft?

Alle Arten von Objekten, die wir traditionell prüfen, inspizieren und zertifizieren, werden drahtlos vernetzt. Software kann auch für Automobilhersteller eines der entscheidenden Differenzierungsmerkmale sein. KI ist heute überall eingebettet. Gerade bei kritischen Hochrisikoanwendungen ist eine unabhängige Verifizierung und Konformitätsbewertung essenziell. Wir bündeln Cybersicherheit, funktionale Sicherheit und KI-Testdienstleistungen zu einem integrierten Leistungsversprechen, das wir "Digital Trust" nennen. Das ist eines der nächsten Wachstumsfelder für uns.

Wie wirkt sich die technische Komplexität von modernen Autos auf die Untersuchungsverfahren aus?

In absehbarer Zeit werden wir sowohl mechanische als auch softwarebasierte Prüfmethoden haben. Mit der Verbreitung von Elektrofahrzeugen wird die Bedeutung der Abgasuntersuchung im Lauf der Zeit zurückgehen. Sie könnte durch das Testen von Sensoren, von Hochvoltkomponenten und Batterien ersetzt werden.

Sehen Sie die Möglichkeit, einige Tests künftig "over the Air" durchzuführen?

Ich denke, dass es in Zukunft ein Element der Fernprüfung eines Autos geben kann, aber sie kann die physische Prüfung ganz sicher nicht ersetzen. Viele mechanische Komponenten, zum Beispiel in Bezug auf Bremsen und Lenkung, werden immer eine physische Prüfung erfordern.

Welche Hürden gibt es bei der Einführung der E-Mobilität derzeit noch in Europa?

Reichweite und Ladezeit schrecken manche potenziellen Käufer immer noch ab. Aber wenn wir uns anschauen, mit welcher Geschwindigkeit sich Batterie- oder Ladetechnologie entwickeln, sehen wir, dass diese Themen angegangen werden. Eine der verbleibenden Herausforderungen aus unserer Sicht ist der Wertverlust. Auch wenn gebrauchte Elektrofahrzeuge vergleichsweise erschwinglich sind, sieht man, dass die Händler mit Autos überflutet sind, die nur sehr wenige Kunden kaufen wollen.

Wie ließe sich aus Ihrer Sicht der Elektro-Gebrauchtwagenmarkt ankurbeln?

Ein Baustein sind die Leistungsfähigkeit und die verbleibende Lebensdauer einer Batterie. Wenn wir keine Transparenz in Bezug auf den Gesundheitszustand des Akkus (State of Health, SOH) haben, wird der Gebrauchtwagenmarkt wahrscheinlich nicht so funktionieren, wie er sollte. Wir haben Lösungen entwickelt, mit denen sich der SOH schnell, erschwinglich und zuverlässig messen lässt. Unser nächstes Ziel ist, den Test während des Ladevorgangs durchführen zu können – und nicht mehr während einer kurzen Testfahrt, wie es aktuell noch nötig ist. Außerdem haben wir kürzlich eine Beteiligung an einem deutschen Unternehmen namens Sphere Energy erworben. Es ist führend in KI-basierter Simulation der Batterieleistung. Mit diesem Wissen können wir unsere physische Prüfung von Batterieprototypen durch KI-basierte Simulationsdaten ergänzen. Das wird es uns irgendwann ermöglichen, die Batterielebensdauer in gebrauchten Elektrofahrzeugen vorherzusagen.

Das Interview führten Stefan Cerchez und Michael Pfeiffer.

Stan Zurkiewiczist seit April 2022 CEO und Vorstandsvorsitzender von DEKRA e. V. und DEKRA SE. Zuvor war der begeisterte Ausdauerläufer und Kampfsportler (Judo und Taekwondo) Vorstandsmitglied von DEKRA SE und als COO verantwortlich für Regionen und Vertrieb. Von 2018 bis 2020 führte er als Executive Vice President DEKRA SE die Region Ost- und Südasien.